Dr. med. Bruno Müller setzt seit Mitte der 1990er Jahre bei von Hypothyreose betroffenen Personen auf Kombinationstherapien mit Levothyroxin (T4) und Liothyronin (T3), das auch als Trijodthyronin bezeichnet wird. Die bekannten Schilddrüsenhormonpräparate Eltroxin, Euthyrox und Tirosint enthalten dagegen ausschliesslich T4. T4 ist ein Prohormon und muss über Dejodasen (vor allem D1/D2) in das biologisch aktive T3 umgewandelt werden. Letztendlich wirkt nur T3 (nicht aber T4) in jeder Körperzelle über spezifische Schilddrüsenhormon-Rezeptoren.
30 Jahre später liegt nun eine britische Konsensempfehlung der Thyroid Association und der Society for Endocrinology vor.
First published: 05 June 2023https://doi.org/10.1111/cen.14935 Digital Object Identifier (DOI)
Dieses Konsens-Statement soll Ärztinnen und Ärzten praktische Orientierungshilfen bieten, wenn sie mit Patientinnen und Patienten konfrontiert sind, bei denen während einer Schilddrüsenhormonersatztherapie anhaltende Symptome zu verzeichnen sind.
Klassische Symptome unter T4-Therapie mit ‘guten Werten’ für TSH, fT4 und fT3 sind:
- Persistierende Müdigkeit
- Kognitive Einschränkungen („brain fog“)
- Gewichtszunahme
- Myalgien
- Schlafstörungen
- Depressive Verstimmung
- Verminderte Belastbarkeit
Wie wird nun eine Therapie begonnen? Hier ein Beispiel für einen Patienten, der mit Euthyrox 100 µg behandelt wird und trotz eines TSH-Wertes von 0,5 bis 1,0 mIU/l Symptome verzeichnet.
Zu Beginn der Therapie muss T4 (Euthyrox) abgesenkt werden.
Mein bevorzugtes Einstiegsschema
| Medikament | Morgens | Früher Nachmittag | Tagesdosis |
| Euthyrox | 75 µg | – | 75 µg |
| Thybon | 5-10 µg | 5 µg | 10 bis 15 µg |
Die zweite Thybon-Gabe würde ich gegen 13–15 Uhr vorsehen, um ausgeprägte T3-Spitzen und mögliche Schlafstörungen zu vermeiden.
Nun eine vorsichtigere Alternative, an der britischen Konsensempfehlung sich orientierend
Bei 100 µg bisherigem Euthyrox ergibt die empfohlene Umrechnung ungefähr 5–6 µg T3 und eine Reduktion des T4 um etwa 15–18 µg. Somit wäre auch Euthyrox 88 µg plus Thybon 2,5 µg zweimal täglich ein gut begründbares Einstiegsschema.
Praktisches Vorgehen
- Vor Beginn: TSH, fT4, fT3 messen sowie Puls und kardiovaskuläre Risiken prüfen.
- Nach 6–8 Wochen: TSH-Kontrolle, plus fT4/fT3, möglichst vor der morgendlichen Einnahme (von Euthyrox und Thybon).
- Auf Palpitationen, Tachykardie, Tremor, Nervosität und Schlafstörungen achten.
- Nach 6 Monaten: Klinischen Nutzen beurteilen; ohne klaren Vorteil Rückkehr zur T4-Monotherapie erwägen.
Bei koronarer Herzkrankheit, Herzrhythmusstörungen, höherem Lebensalter, Osteoporoserisiko oder Schwangerschaft ist besondere Zurückhaltung geboten. Eine Kombinationstherapie ist keine Routinebehandlung und sollte idealerweise durch einen „T3-erfahrenen“ Endokrinologen begleitet werden.