Pille (Ovulationshemmer OH) und Hormonsystem

Ovulationshemmer OH (kombinierte hormonelle Kontrazeptiva oder Gestagen (Progesteron)-Monopräparate) greifen gezielt in die Hypothalamus-Hypophysen-Ovar-Achse (HHO-Achse) ein und unterdrücken die körpereigene Hormonproduktion der Ovarien vorübergehend. Das gilt nur bedingt für die sogenannte Minipille, welche einzig eine minime Menge an Gestagenen (Progesteron-ähnliches Hormon) enthält.

Was bedeutet das für das „eigene Sexualhormonsystem“?

Das eigene Sexualhormonsystem wird nicht zerstört, sondern lediglich reversibel gehemmt. Nach dem Absetzen der Pille kommt es innerhalb von Wochen bis Monaten zu einer Reaktivierung der Hormonproduktion der Eierstöcke. Wenn nach sechs Monaten keine Menstruation spontan einsetzt, muss eine Hormonstörung erwogen und gezielt endokrinologisch oder gynäkologisch gesucht werden (häufig: Prolaktinerhöhung, Hyperandrogenämie und PCOS, siehe unten).

Wir bezeichnen das Ausbleiben der Menstruation als „Post-Pill-Syndrom“. Dabei werden häufig maskierte Zyklusstörungen aufgedeckt. Dies ist häufig der Fall, wenn die Pille in relativ jungen Jahren eingesetzt wird. Nach dem Absetzen kommt es bei ausbleibender Menstruation dann zu Diagnosen wie Polycystischem Ovarsyndrom (PCOS), hypothalamische Amenorrhoe oder Hyperandrogenämie (erhöhte Werte für männliche Hormone, welche häufig assoziiert sind mit Akne und verstärkter Körperbehaarung). Die genannten Hormonstörungen wurden nicht durch die Pille ausgelöst oder verursacht, allerdings wurden die Symptome durch die Pille unterdrückt.

Hat der Einsatz einer Pille Langzeitfolgen?

Die Antwort ist klar: Nein. Während der Pilleneinnahme kann es individuell zu Stimmungsveränderungen (Dysthymie), Libidoverminderung, Gewichtszunahme, Haarausfall und Migräne kommen. All diese Symptome bilden sich nach dem Absetzen der Pille zurück. Es sei denn, es liegt eine larvierte Hormonstörung vor, deren Symptome durch die Pille über mehrere Jahre hinweg maskiert wurden.

Wie kommt es zur Libido-Veränderung?

Frauen weisen Testosteron-Konzentrationen auf, die etwa 10 % derjenigen von Männern entsprechen. Ovulationshemmer senken diese Konzentration, sodass der Testosteronspiegel sinkt. Dies kann sich negativ auf die Libido auswirken.  Enthält die Pille Gestagene, die eine sogenannte antiandrogene Wirkung aufweisen (werden zum Beispiel bei Akne eingesetzt), so verstärkt sich dieser negative Effekt. Bei entsprechenden Beschwerden empfiehlt es sich Testosteron, Androstendion und DHEA-S im Blut zu bestimmen.

Ein Testosteronmangel kann zu einer verringerten Libido, sexuellen Spontanität und vaginaler Lubrikation führen.

Welche Effekte auf Haarwuchs/Haarverlust sind zu erwarten?

Es sind zwei gegensätzliche Effekte möglich. Zum einen kann die Pille durch das Absinken der Androgene (männliche Hormone) zu einem telogenen Effluvium (Haarausfall) führen. Dieser ist häufig diffus und tritt zeitverzögert (nach zwei bis sechs Monaten) auf. Betroffen sind Frauen mit empfindlichen Haarfollikeln. In diesen Fällen führt der rasche hormonelle Wechsel (Start/Absetzen) zum Haarausfall.

Zum anderen kann es auch zu einer Verbesserung des Haarwachstums kommen, insbesondere bei androgenetischer Alopezie (erblich bedingtem Haarausfall, der zum Bild der männlichen Glatzenbildung führt) oder dem Polycystischen Ovar-Syndrom (PCOS). In diesen besonderen Fällen führt die Pille durch die Absenkung der männlichen Hormone zu einer deutlichen Verbesserung.

Abschliessend ist festzuhalten, dass sich das Haar je nach Ausgangslage besser oder schlechter entwickeln kann. Nach dem Absetzen des OH normalisiert sich alles, was jedoch einige Monate dauern kann.

Verursachen Ovulationshemmer Gewichtszunahme?

In der Regel verursachen OH keine relevante, dauerhafte Gewichtszunahme, insbesondere die modernen nicht. Relativ häufig kommt es zu einer vorübergehenden Zunahme von 1 bis 2 Kilogramm Körperwasser (Wasserretention), die sich in der Regel spontan wieder zurückbildet. Es handelt sich um ein Übergangsphänomen. Kommt es unter der Pille zu einer unerwartet starken Gewichtszunahme, muss die Insulinsensitivität oder -resistenz gemessen werden (durch die Bestimmung von Insulin und Blutzucker/Glukose morgens nüchtern). Betroffen sind Frauen mit PCOS, mit einer positiven Familienanamnese für Diabetes oder Adipositas. Die Therapie der Wahl ist dann der Wechsel auf eine Minipille. Auch das Medikament Metformin kann hilfreich sein.

Werden durch die Pille (Ovulationshemmer OH) ausser dem Sexualhormonsystem auch andere Hormone beeinflusst?

Prolaktinerhöhungen sind nicht selten und können zu klassischen Symptomen wie Brustspannen oder Milchfluss aus der Brust (Galaktorrhoe) führen. Zudem beeinflusst die Pille, wie oben dargestellt, die männlichen Hormone.

Ebenso kann Cortisol, eines der Stresshormone, erhöht werden. Bei Prolaktin- und Cortisol-Erhöhungen empfehlen sich endokrinologische Abklärungen.

Wichtig!

Viele der genannten möglichen Veränderungen betreffen klassische Ovulationshemmer auf kombinierter Östrogen/Gestagen-Basis, nicht jedoch die sogenannte Minipille, die eine geringe Menge eines reinen Gestagens enthält.

Pille und Partnerwahl

Einige Studien haben für grosse Aufregung gesorgt, da sie gezeigt haben, dass die Pille möglicherweise die Partnerwahl beeinflusst. Da die Pille den Hormonhaushalt verändert und durch einen höheren Östrogen-Gehalt oder die Beeinflussung des Prolaktins (Stillhormon) einen Früh-Schwangerschaftszustand imitieren kann, könnte sich auch die Wahrnehmung der Attraktivität von Sexualpartnern leicht verschieben. Einige Studien fanden: Frauen, die die Pille nehmen, bevorzugen eher „vertraute/weniger dominante“ Partner, Frauen, die die Pille nicht nehmen, bevorzugen eher „genetisch unterschiedliche/maskulinere“ Partner. Die Ergebnisse sind jedoch umstritten.