Die Testosterontherapie wurde in den 1930er-Jahren entwickelt und war noch vor zehn bis zwanzig Jahren umstritten. Bereits in den 1940er-Jahren konnten zahlreiche Studien die heute bekannten positiven Wirkungen von Testosteron belegen. Dazu zählen die Linderung von Symptomen wie Antriebslosigkeit, Verstimmtheit (Dysthymie) und Libidostörung sowie eine Verbesserung der Körperzusammensetzung mit Abnahme des Bauchfetts und Zunahme der Muskelmasse. Ausserdem wurde eine Verbesserung des Stoffwechsels bei männlichen Diabetikern beobachtet.
Ein enormer Rückschlag erfolgte jedoch ab 1941, als Huggins und Hodges behaupteten, Testosteron würde Prostatakrebs fördern. Diese Annahme prägte die medizinische Meinung für die folgenden 70 Jahre und führte zu grosser Zurückhaltung beim Einsatz von Testosteron.
Später kam der Verdacht hinzu, dass eine Testosterontherapie das Risiko für Herzinfarkte erhöhen könnte.
Ab den 1970er-Jahren ermöglichte die Einführung des Radioimmunoassays (RIA) zudem eine exakte Bestimmung der Testosteronwerte. Dadurch verlagerte sich der Fokus der Diagnose von Testosteronmangel stark auf die Laborwerte. Bei Testosteronmangel-Symptomen wurde die Diagnose fast ausschliesslich auf Laborwerte abgestützt, anstatt eine Gesamtbeurteilung auf Basis von Laborwerten und den Beschwerden der Patienten vorzunehmen.
Prof. Dr. med. Heinrich Nieschlag, von 1976 bis 1986 Leiter der Abteilung Experimentelle Endokrinologie an der Universitätsklinik Münster, trug enorm viel zur Testosteronforschung bei. Er setzte sich auch vehement dafür ein, die Symptome von Männern mit tiefen oder tiefnormalen Testosteronwerten stärker in Therapieentscheidungen miteinzubeziehen.
Erst als immer mehr wissenschaftliche Daten zeigten, dass eine Testosterontherapie nicht mit einem erhöhten Prostatakrebsrisiko verbunden ist, nahm die Testosteron-Ersatztherapie Fahrt auf
Wegweisend war die Erkenntnis, dass Prostatagewebe nur bis zu niedrigen Testosteronwerten (vermutlich im Bereich von 8 bis 12 nmol/L) empfindlich auf Androgene reagiert – darüber hinaus führt mehr Testosteron nicht zu einer zusätzlichen Stimulation der Prostata (Sättigungsmodell). Die Sättigungstheorie (auch „saturation model“ genannt) beschreibt den Zusammenhang zwischen Testosteron und dem Wachstum der Prostata sehr klar. Sie wurde vor allem von Abraham Morgentaler und Kollegen ab den 2000er-Jahren wissenschaftlich formuliert.
Ein weiterer Rückschlag für die Testosteron-Therapie erfolgte in den Jahren 2013/2014: Zwei Beobachtungsstudien berichteten über ein angeblich erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko durch Testosterontherapie und erhielten grosse mediale Aufmerksamkeit. Obwohl diese Studien kritisiert wurden, fügte die US-Arzneimittelbehörde FDA im Jahr 2015 einen Warnhinweis zu Testosteronpräparaten hinzu und verlangte eine grosse Sicherheitsstudie, aus der die TRAVERSE-Studie hervorging.
An der TRAVERSE-Studie nahmen 5 246 Männer mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko teil. Sie erhielten über einen Zeitraum von etwa 33 Monaten entweder Testosterongel oder Placebogel. Es konnte bewiesen werden, dass eine Testosterontherapie keinerlei Risiken für Herzinfarkt, Hirnschlag oder Thrombosen aufweist (technisch ausgedrückt: kein erhöhtes Risiko für MACE oder venöse Thrombosen).
Die Androgen Society, eine internationale medizinische Fachgesellschaft, führte daran schliessend eine umfassende Analyse der bisherigen Literatur durch, die zwei weitere grosse randomisierte Studien, zahlreiche kleinere randomisierte Studien, mehrere grosse Beobachtungsstudien und 19 Metaanalysen umfasste. Sie gelangte zur definitiven Überzeugung, dass eine Testosterontherapie sicher ist (Androgen Society Position Paper on Cardiovascular Risk With Testosterone Therapy).
Fazit: Eine Testosterontherapie hat bei Männern mit nachgewiesenem Mangel oder tiefnormalen Werten zahlreiche positive Effekte auf Energie, Stimmung, Stoffwechsel. Muskelmasse, Körperkraft und Lebensqualität. Sofern die Therapie sorgfältig diagnostiziert, überwacht und fachgerecht durchgeführt wird, sind die Risiken gering.