Wir wissen, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Winterdepression (saisonale affektive Störung, SAD) und dem Hormonsystem gibt. Die wichtigsten beteiligten Hormone sind Melatonin und Serotonin sowie die Vitamin-D-abhängigen hormonellen Regelkreise. Liegen allerdings klassische Hormonmängel wie Östrogen-, Testosteron- oder Schilddrüsenhormondefizite vor, so gelten andere Gesetzmässigkeiten.
Bei SAD spielt das „Dunkelheitshormon“ Melatonin die Hauptrolle. Da die Tage im Winterhalbjahr kürzer sind und weniger Licht enthalten, produziert die Zirbeldrüse (Epiphyse) deutlich mehr davon. Dies führt zu Schläfrigkeit, Antriebslosigkeit und Energielosigkeit. Bei Menschen, die zu Winterdepressionen neigen, reagiert die innere Uhr besonders empfindlich darauf. Bei ihnen hat ein Melatoninüberschuss massive Müdigkeit und eine Stimmungsabsenkung zur Folge. Zudem wird bei einem Lichtdefizit weniger vom Glückshormons Serotonin produziert. Serotonin reguliert Stimmung, Appetit, Energie, Schlafrhythmus und vieles andere mehr. Serotonin und Melatonin hängen zusammen. Melatonin wird aus Serotonin hergestellt, wodurch Lichtarmut eine Balancestörung zwischen den beiden Hormonen begünstigt. Zudem stört Lichtmangel die Aufnahme des Serotonin-Vorläufers Tryptophan ins Gehirn, wodurch die Serotonin-Verfügbarkeit weiter sinkt.
Ein weiterer wichtiger Faktor bei der Entstehung der SAD ist Vitamin D. Vitamin D ist streng genommen kein klassisches Vitamin, sondern ein Hormonvorläufer. Die körpereigene Produktion ist abhängig von Sonnenlicht, weshalb sie im Winterhalbjahr sinkt. Dies kann zusätzlich zu Verstimmtheit (Dysthymie), Energiemangel und Infektionsanfälligkeit führen. All dies begünstigt ein SAD.
Da es während der Herbst- und Wintermonate an Sonnenlicht und hellen Tagesstunden mangelt, kommt es zudem zu einer circadianen Rhythmusstörung. Die Schaltzentrale dieses Rhythmus, auch Biorhythmus oder „innere Uhr“ genannt, sitzt im Gehirn, im suprachiasmatischen Kern (SCN), und wird jeden Tag durch Tageslicht synchronisiert. Der ca. 24-stündige circadiane Rhythmus steuert den Schlaf-Wach-Zyklus, die Körpertemperatur, die Hormonproduktion (Melatonin, Cortisol, Testosteron, Östrogen usw.), den Appetit und die Stimmung.
Zusammenfassend begünstigen zahlreiche hormonelle Faktoren eine Winterdepression. Je geschwächter das Hormonsystem ist, desto stärker fällt die Winterdepression aus. Schilddrüsenstörungen, Testosteronmangel, Cortisol-Erhöhungen oder -Mangelzustände können ihrerseits zu Depressivität und Verstimmungszuständen führen, die sich naturgemäss ab Herbst massiv verschlechtern können.
Was ist zu tun?
Bei Winterdepressionen (saisonaler affektiver Störung, SAD) empfiehlt sich ein Hormon-Check. Fällt dieser normal aus, ist die wirksamste und am besten untersuchte Behandlung bei SAD die Lichttherapie, die meist sogar wirksamer ist als Medikamente für diesen speziellen Depressions-Typ, da sie genau an der Ursache ansetzt. Sie wirkt hemmend auf die Melatonin-Konzentration und fördert die Ausschüttung von Serotonin, was sich stimmungsaufhellend auswirkt. Ansonsten kann die Einnahme von Vitamin D hilfreich sein. Ein Mangel an Vitamin D kann eine SAD verstärken. Zudem ist Bewegung im Freien bereits ab 30 Minuten Tageslicht hilfreich. Medikamente (SSRI) werden eingesetzt, wenn die Symptome stark sind, die Lichttherapie nicht ausreicht oder zusätzlich eine „klassische“ Depression besteht. Feste Schlafzeiten helfen zusätzlich zur Stabilisierung der inneren Uhr und Optimierung des circadianen Rhythmus.